Je nach Region und Aussaatzeitpunkt erreicht das Getreide derzeit die sogenannte Milchreife – eine Vegetationsphase, in der die Körner weich und nährstoffreich sind. Genau dieser Entwicklungszustand macht die Bestände für unser Schalenwild besonders attraktiv. Vor allem Schwarzwild, aber auch Rot-, Dam- und Rehwild suchen die Felder nun regelmäßig auf und können erhebliche Wildschäden verursachen.
Während beim Rehwild in der Regel keine größeren wirtschaftlichen Schäden zu erwarten sind, sieht dies beim Schwarzwild oft anders aus. Hält sich eine Bache mit ihren Frischlingen über mehrere Nächte in einem Bestand auf, können schnell größere Schadflächen entstehen. Gerade in Jahren mit hohem Wilddruck sind betroffene Flächen keine Seltenheit.
Unterschiedliche Schadbilder erkennen
Am Schadbild lässt sich meist gut erkennen, welche Wildart den Schaden verursacht hat. Rot-, Dam- und Rehwild äsen überwiegend die Ähren ab. Dabei wird die Ähre nach oben abgestreift, während der Halm stehen bleibt. Typisch sind daher „verwechselte“ Felder mit zahlreichen Pflanzen ohne Ähren, jedoch ohne größere Trittschäden.
Ganz anders präsentieren sich Schäden durch Schwarzwild. Je nach Größe der Rotte entstehen großflächig niedergewalzte Bereiche mit deutlichen Wechseln und Suhlen. Die Schweine fressen die Körner aus den Ähren, die Spelzen werden jedoch meist ausgespuckt und liegen zerkaut auf der Fläche. Das Schadbild wirkt insgesamt deutlich „wilder“ und großflächiger.
Welche Getreidearten besonders gefährdet sind
Bevorzugt werden vor allem Weizen, Dinkel und Hafer. Andere Getreidearten wie Gerste oder Roggen werden häufig gemieden – allerdings nicht vollständig verschont. Einen gewissen natürlichen Schutz bieten hier die Grannen. Diese borstigen Fortsätze sind für das Wild beim Äsen unangenehm und werden daher oftmals gemieden.
Interessant ist dabei, dass mittlerweile auch einige Weizensorten züchterisch mit Grannen ausgestattet sind. Diese sogenannten Grannenweizen-Sorten werden vom Wild ebenfalls deutlich schlechter angenommen. Hier zeigt sich erneut, wie wichtig die Kommunikation zwischen Jagdausübungsberechtigtem und Landwirt ist. Auf besonders gefährdeten Flächen kann der Umstieg auf grannentragende Sorten langfristig eine sinnvolle Maßnahme zur Schadensvermeidung darstellen.
Vergrämung und Schutzmaßnahmen
Zur Vergrämung werden verschiedenste Mittel eingesetzt – von optischen und akustischen Hilfsmitteln bis hin zu Duftstoffen. In der Praxis zeigt sich jedoch häufig, dass diese Maßnahmen nur kurzfristig wirken und bei starkem Wilddruck schnell ihre Wirkung verlieren.
Bei dauerhaftem Druck durch Schwarzwild führt oft kein Weg an einem Elektrozaun vorbei. Der Aufbau sollte dabei möglichst in enger Zusammenarbeit zwischen Landwirt und Jagdpächter erfolgen. Besonders wirkungsvoll bleibt jedoch weiterhin die konsequente Bejagung an gefährdeten Flächen. In weniger gefährdeten Revierteilen kann dem Wild dagegen bewusst Ruhe gelassen werden, um den Druck von sensiblen Kulturen zu nehmen.
Die effektivste vergrämende Maßnahme ist die Bejagung auf der geschädigten Fläche. Die Rotte verbindet die Erlegung direkt mit dieser und meidet das Feld für die nächste Zeit. Mobile Leitern in bzw. an den bereits ausgedünnten Flächen ermöglichen ein sicheres Ansprechen und Erlegen. Das Pirschen auf Weizensauen ist sicherlich eine der spannendsten Jagdarten, die es in unseren Breiten gibt. Das erfordert aber neben einem gewissen Quäntchen Mut auch viel Erfahrung und Besonnenheit beim Ansprechen der meist nur wenige Meter entfernten Sauen. Neben der Schadensminimierung steht auch die Erzeugung eines tollen Lebensmittels im Vordergrund. Besonders in den heißen Sommernächten gilt es hierzu ein paar Punkte zu beachten.
→ Zum Artikel Wildbrethygiene im Sommer
Hohe Kosten verschärfen die Situation
Für den Landwirt sind Schäden in dieser Vegetationsphase besonders ärgerlich. Sämtliche Aufwendungen – Saatgut, Dünger, Pflanzenschutz, Maschinenkosten und Arbeitszeit – wurden bereits investiert. Bis zur Ernte bleibt oft nur noch der Einsatz des Lohnunternehmers. Gerade in diesem Jahr belasten hohe Energiepreise die Landwirtschaft zusätzlich. Dünger- und Kraftstoffkosten sind weiterhin auf hohem Niveau, während die Erlöse für Getreide vielerorts hinter den Erwartungen zurückbleiben. Umso schwerer wiegt jeder Wildschaden.
Vorgehen im Schadensfall
Kommt es dennoch zu einem Wildschaden, sollte strukturiert vorgegangen werden:
- Fristgerechte Anmeldung prüfen
Zunächst muss geklärt werden, ob der Schaden ordnungsgemäß und fristgerecht gemeldet wurde. - Schadfläche gemeinsam feststellen
Anschließend sollte die Größe der geschädigten Fläche gemeinsam mit dem Landwirt aufgenommen werden. - Ertragsdaten und Preise ermitteln
Hilfreich sind Vergleichswerte der vergangenen Jahre. Informationen hierzu liefern Landwirtschaftsämter, Maschinenringe oder der Landhandel. Zusätzlich müssen die aktuellen Erzeugerpreise berücksichtigt werden.
Endgültige Schadenshöhe erst vor der Ernte festlegen
Die tatsächliche Entschädigung sollte möglichst erst kurz vor der Ernte bestimmt werden. Denn treten weitere Schadereignisse wie Hagel, Sturm oder extreme Trockenheit auf, die ohnehin zu Ertragsausfällen geführt hätten, sind Wildschäden entsprechend nachrangig zu bewerten und nicht in voller Höhe auszugleichen.
Fazit
Wildschäden im Getreide gehören in vielen Revieren jedes Jahr zu den zentralen Herausforderungen zwischen Landwirtschaft und Jagd. Entscheidend sind dabei eine frühzeitige Kommunikation, gemeinsames Handeln und ein realistischer Blick auf praktikable Schutzmaßnahmen. Wo Landwirte und Jäger partnerschaftlich zusammenarbeiten, lassen sich Konflikte meist deutlich reduzieren – zum Nutzen von Wild, Landwirtschaft und Revierfrieden gleichermaßen.
Simon Metz
(Landesobmann für Wildschadensangelegenheiten)
Eine Übersicht der aktuellen Marktpreise für Getreide finden Sie hier:
www.landesjagdverband.de/jagdpraxis/marktpreise-getreide

